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Die Abfahrtsklassiker

Im alpinen Skisport gibt es Rennen, und dann gibt es Rennen. Die großen Abfahrtsklassiker des Weltcups sind nicht einfach Wettkämpfe auf einem Hang – sie sind Institutionen, die über Jahrzehnte eine eigene Mythologie aufgebaut haben. Die Strecken haben Namen, die jeder Rennfahrer kennt, lange bevor er zum ersten Mal auf ihnen steht: der Mausefalle, die Hochschulter, die Gletscherwand. Die Rennen haben Sieger, die Teil des kollektiven Gedächtnisses des Alpinsports geworden sind. Wer die Klassikerrennen verstehen will, muss nicht nur die Statistiken kennen – er muss die Geschichte der Strecken kennen.

Hahnenkamm, Kitzbühel: Die Königin

Die Hahnenkamm-Abfahrt auf der Streif in Kitzbühel ist der bekannteste und respektierteste Rennkurs der Welt. Nicht der schnellste, nicht der höchste – aber der, auf dem ein Sieg den Status eines Rennfahrers am deutlichsten definiert. Die Streif beginnt am Starthaus auf 1.665 Metern und endet im Zielstadion bei rund 760 Metern. Das ergibt eine Höhendifferenz von etwa 865 Metern auf einer Pistenlänge von 3.312 Metern.

Was die Streif so unerbittlich macht, ist nicht eine einzige Stelle, sondern die Akkumulation von Momenten: Der Steilhang gleich nach dem Start, der mit einer Steigung von über 85 Prozent beginnt. Die Mausefalle, eine kurze Kuppe, nach der die Fahrer unkontrolliert in die Luft gehen und landen müssen. Die Steilrinne, ein extrem steiler und enger Abschnitt mit einem Linksschwung. Die Hausbergkante, eine Sprungschanze, von der die Fahrer in einen steilen, vereisten Hang abgehen. Der Zielschuss, bei dem Geschwindigkeiten von 130 km/h gemessen werden.

Die Hahnenkamm-Woche im Januar ist das größte alpinsportliche Ereignis des Winters, mit bis zu 50.000 Zuschauern am Rennwochenende und Atmosphäre, die an Formel 1 erinnert. Sieger am Hahnenkamm sind Persönlichkeiten wie Franz Klammer, der seinen legendären Olympiasieg 1976 in Innsbruck unter explizitem Verweis auf den Streif-Charakter beschrieb, Pirmin Zurbriggen, Hermann Maier, Bode Miller und Dominik Paris.

Lauberhorn, Wengen: Die Längste

Das Lauberhorn-Rennen in Wengen bietet die längste Abfahrtstrecke im Weltcup: 4.480 Meter, mit einer Höhendifferenz von rund 1.000 Metern. Das Rennen beginnt auf 2.315 Metern und führt durch wechselndes Gelände bis ins Dorf Wengen hinunter, wobei ein Abschnitt buchstäblich durch das Bett einer ehemaligen Eisenbahn verläuft – ein Tunnel, der als Bahnhöfli bekannt ist und an dem die Geschwindigkeit auf über 160 km/h steigt.

Das Lauberhorn wird seit 1930 ausgetragen und ist damit eines der ältesten Skirrennen der Welt. Das Panorama – mit Eiger, Mönch und Jungfrau als Hintergrundkulisse, dem Lauterbrunnen-Tal tief unten – ist unvergleichlich. Die langen flachen Passagen und die Querfahrten zwischen den Steilstücken verlangen nicht nur Mut, sondern aerodynamische Effizienz und taktisches Fahren. Wer auf dem Lauberhorn Zeit verliert, verliert sie oft in den flachen Passagen, wo ein zu aufrechter Körper gegen den Luftwiderstand ankämpft.

Carlo Janka, Didier Cuche, Pirmin Zurbriggen – die Liste der Lauberhorn-Sieger liest sich wie ein Who's who des Schweizer Skisports. Cuche, der die Strecke wie kaum ein anderer kannte, gewann das Rennen fünfmal, zuletzt 2012 mit einem Altersrekord.

Val Gardena, Gröden: Die Schnellste

Die Stelvio in Val Gardena im Südtiroler Grödner Tal gilt als eine der schnellsten Abfahrtspisten der Welt. Spitzengeschwindigkeiten von über 160 km/h sind auf dem Zielschuss regelmäßig dokumentiert. Die Strecke ist weniger berühmt-berüchtigt für technische Fallen als für pure Geschwindigkeit und Kühnheit.

Der Startbereich bei 2.250 Metern Höhe liegt hoch genug, dass gute Schneequalität bis spät in den Dezember häufig gewährleistet ist – Val Gardena ist eines der zuverlässigsten Rennen des frühen Weltcupkalenders. Die Schnelligkeit des Rennens zieht Fahrer an, die auf Geraden glänzen und aerodynamisches Geschick beherrschen. Innerhalb des Dreikampfs mit Kitzbühel und Wengen repräsentiert Val Gardena den reinen Speed-Charakter der Abfahrt.

Bormio und Garmisch: Weitere Klassiker

Die Stelvio in Bormio, im Veltlin in der Lombardei, ist eine andere Strecke als die Stelvio in Val Gardena – der gleiche Name, eine andere Geschichte. Bormio hat eine lange Tradition im Rennsport und war mehrfach Schauplatz alpiner Weltmeisterschaften, zuletzt 2005. Die Strecke beginnt hoch oben auf 3.012 Metern und fällt auf über 1.000 Meter Höhendifferenz hinunter. Sie ist technischer als Val Gardena, mit Passagen, die an die Ruppigkeit der Streif erinnern.

Garmisch-Partenkirchen war bis in die jüngere Vergangenheit regelmäßiger Weltcupstandort und war Schauplatz der Olympischen Winterspiele 1936. Die Kandahar-Abfahrt am Gudiberg gilt als technisch anspruchsvoll, auch wenn sie nicht zur ersten Klasse der großen Drei gehört.

Die Geschichte des Abfahrtssports

Die großen Abfahrtsrennen entstanden in den 1920er und 1930er Jahren, als Skifahren sich von einem romantischen Bergabenteuer zu einem organisierten Wettkampfsport wandelte. Die FIS (Fédération Internationale de Ski) codifizierte die Regeln, und die ersten Weltmeisterschaften fanden 1931 in Mürren statt – nicht zufällig in der Schweiz, wo das alpine Skifahren als Wettkampfdisziplin am stärksten organisiert war.

Der Weltcup als Serienwettkampf wurde erst 1967 eingeführt, auf Initiative des französischen Sportjournalisten Serge Lang und des amerikanischen Sportfunktionärs Bob Beattie. Die erste Weltcupabfahrt der Männer fand am 5. Januar 1967 in Berchtesgaden statt – Jean-Claude Killy gewann. Killy gewann in der Saison 1967/68 alle drei alpinen Disziplinen bei den Olympischen Spielen in Grenoble: Abfahrt, Slalom und Riesenslalom.

Die Entwicklung der Abfahrtsausrüstung hat das Rennsportbild verändert. Frühe Abfahrtsläufer trugen Wollhosen und Holzski. Heute sind Abfahrtsskier zwischen 210 und 225 Zentimeter lang, stark tailliert, aus modernen Verbundwerkstoffen, und die kombinierten Schuhe und Anzüge sind aerodynamisch optimiert. Geschwindigkeiten über 130 km/h sind auf der Piste, über 160 auf schnellen Passagen, Standard.

Die Frauenrennen: Kultstrecken und Charaktere

Die großen Abfahrtsklassiker der Frauen verdienen dieselbe Aufmerksamkeit. La Côte in Crans-Montana, Lake Louise in Kanada, und vor allem die Kandahar in Garmisch gehören zu den technisch anspruchsvollsten Frauenrennen. Lake Louise in Alberta, auf 2.600 Metern Ausgangshöhe gelegen, mit Blick auf den Victoria-Gletscher, gilt als eine der schönsten Rennkulissen des Winters.

Österreicherinnen wie Annemarie Moser-Pröll – mit elf Weltcup-Gesamtsiegen die dominante Athletin der 1970er Jahre – oder Lindsey Vonn, die amerikanische Ausnahmeathletin mit rekordverdächtigen 82 Weltcupsiegen, haben den Frauenabfahrtssport geprägt.

Die interaktive Karte zeigt, wo die legendären Rennberge liegen und welche Pisten für Normalskifahrer zugänglich sind – denn viele der großen Abfahrtsstrecken sind zwischen den Rennen als reguläre Pisten befahrbar, und eine Abfahrt auf der Streif oder dem Lauberhorn gehört zu den unvergesslichsten Erfahrungen, die der Skisport zu bieten hat.