Die Haute Route und Skitraversierungen
Es gibt Skitouren, die man plant, und Skitouren, von denen man träumt. Die Haute Route gehört zur zweiten Kategorie: eine mehrtägige Hochgebirgstour von Chamonix nach Zermatt, die durch das Herz des Weißen Kontinents führt und dabei Gletscherwelten traversiert, die seit den frühen Alpinisten des 19. Jahrhunderts unverändert ehrfurchtgebietend sind. Wer die Haute Route einmal gemacht hat, beschreibt sie selten als Sportereignis – eher als eine Begegnung mit dem Berg in einem Format, das der Durchschnittsskiurlaub nicht annähernd berührt.
Die klassische Haute Route: Chamonix nach Zermatt
Die sogenannte klassische Haute Route verbindet Chamonix im Département Haute-Savoie mit Zermatt im Wallis und überquert dabei einen der konzentriertesten Hochgebirgsräume der Alpen. Die Tour führt unter den großen 4000ern der Walliser Alpen entlang: Mont Blanc, Grand Combin, Mont Blanc de Cheilon, das Otemma-Becken, und schließlich die Annäherung an die Berggruppe um das Matterhorn.
Je nach gewählter Route und Bedingungen dauert die Tour fünf bis sieben Tage. Die Tagesetappen umfassen typischerweise zwischen 1.000 und 1.500 Höhenmeter Aufstieg mit entsprechendem Abstieg und decken horizontal zwanzig bis dreißig Kilometer ab. Das ist anspruchsvoller Gletscherterrain, kein ausgesetzter Alpinkurs, aber auf einem Niveau, das Tourenfahrern mit begrenzter Gletschererfahrung klar über ihre Grenze hinausgeht.
Die Route verläuft von Chamonix über das Refuge du Col de Balme, dann über das Glacier du Mont Fort und das Cabane du Mont Fort im Skigebiet Verbier, weiter über den Col de Momin und die Cabane de Dix, schließlich über den Pas de Chèvres zum Arolla-Tal und von dort über den Col du Riedmatten oder die Pigne d'Arolla zur Cabane des Vignettes, und als letzten großen Pass den Col Collon oder die Haute Route durch das Zinalrothorn-Massiv nach Zermatt.
Hütten und Übernachtungen
Das System der Alpenclubs – SAC (Schweizer Alpen-Club), CAF (Club Alpin Français) und CAI (Club Alpino Italiano) – hat in den Hochlagen der Alpen ein Netz von Hütten aufgebaut, das die Haute Route und ähnliche Traversierungen überhaupt erst praktikabel macht. Ohne Hütten würde man Zelt, Kocher und erheblich mehr Gewicht tragen müssen.
Die Hütten auf der Haute Route sind unterschiedlich in Komfort und Kapazität. Die Cabane des Dix in der Gemeinde Hérémence ist eine der größten, mit über hundert Schlafplätzen, und ist für ihre spektakuläre Lage am Fuß des Glacier de Cheilon bekannt. Die Cabane des Vignettes auf 3.160 Metern ist exponierter und kleiner, mit einer Aussicht, die kaum zu überbieten ist.
Reservierungen sind für die Hochsaison (März und April) zwingend. Die Hütten sind begehrt, und wer ohne Buchung anklopft, findet sich im Zweifel bei schlechtem Wetter ohne Schlafplatz. Die meisten Hütten bieten Abendessen und Frühstück als Teil des Übernachtungspreises; einige haben Selbstversorger-Küchen.
Lawinensicherheit und Gletscherterrain
Die Haute Route traversiert aktive Gletscher, was spezifische Kenntnisse erfordert. Gletscherspalten – Risse im Eis, die von Neuschnee überdeckt sein können – sind die wichtigste objektive Gefahr. Auf dem Glacier d'Otemma, dem langen Gletscherplateau in der Mitte der Route, sind gespaltene Abschnitte bekannt, und gerade im Frühling, wenn der Schnee weich ist, sinken Ski leichter in verdeckte Spalten.
Geführte Touren binden die Seilschaft immer auf dem Gletscher zusammen. Das Standardprocedere: Alle Teilnehmer und der Führer sind mit einem Seil verbunden, das beim Einbrechen in eine Spalte die Sturzdynamik bremst und dem Rest der Gruppe ermöglicht, die verunglückte Person zu bergen. Wer die Haute Route ungeführt und unerfahren abgeht, unterschätzt dieses Risiko.
Lawinensicherheitsausrüstung – LVS, Sonde, Schaufel – ist Pflicht für jeden Teilnehmer, unabhängig davon, ob die Tour geführt oder ungeführt ist. Die Flanken, die die Haute Route auf beiden Seiten begrenzen, können bei instabiler Schneedecke lawinengefährdet sein, und das Lawinenbulletin ist täglich auszuwerten.
Skiausrüstung für mehrtägige Traversierungen
Die Ausrüstungswahl für eine mehrtägige Skitraversierung ist ein Kompromiss zwischen Gewicht, Leistung und Sicherheit. Tourenskier sind leichter als Pistenski, was bei langen Aufstiegen den Unterschied zwischen einer kräftezehrenden und einer vertretbaren Etappe ausmacht. Gleichzeitig muss die Abfahrtsperformance gut genug sein, um mit schweren Tagesrucksäcken und müden Beinen sicher Steilhänge und schwierige Schneequalitäten zu bewältigen.
Das Gewicht des Rucksacks ist auf einer Hüttentour deutlich niedriger als auf einer Zelttour, weil kein Übernachtungsequipment mitgetragen werden muss. Typische Rucksackgewichte liegen bei acht bis fünfzehn Kilogramm, je nach Ausrüstung und persönlichen Präferenzen. Moderne Tourenbindungen im Bereich von Dynafit, Marker und Salomon ermöglichen gute Performance beim Aufstieg und eine solide Skiperformance bei der Abfahrt.
Stöcke mit Lawinensondenaufsatz sind sinnvoll: Sie dienen primär als Tourenstöcke, können aber bei einer Suche nach einer verschütteten Person als Sonden verwendet werden, bis die reguläre Sonde ausgepackt ist.
Andere große Traversierungen
Die Haute Route ist die bekannteste, aber nicht die einzige bedeutende Skitraversierung in den Alpen.
Die Ortler-Traversierung in Südtirol und im Trentino verbindet Skigebiete und Hochlagen rund um den Ortler (3.905 m) in einem weniger frequentierten, wildren Charakter. Das Terrain um den Ortler ist alpinistisch anspruchsvoller als die klassische Haute Route und wird von weniger Touristen frequentiert.
Die Silvretta-Traversierung in Vorarlberg und dem Engadin ist kürzer und für Anfänger in der Hochtourenwelt zugänglicher. Das Silvretta-Massiv mit dem Piz Buin als Höhepunkt bietet auf drei bis vier Tagen ein gutes Einführungsformat für mehrtägige Gletschertouren.
In Skandinavien ist der Jotunheimrunden in Norwegen und der Kungsleden in Schweden eine eigene Kategorie: breite, flachere Hochplateaus, anders als die steilen Alpinflanken, aber bei langen Skipässen und arktischen Temperaturen fordernd auf ihre eigene Art.
Die Verbindung zwischen Skigebieten über Tourenpassagen ist auch ein wachsendes Phänomen: In den Alpen gibt es durchgehende Haute-Route-Varianten, die Skigebietshänge mit Tourenabschnitten verbinden und so die Infrastruktur der Resorts mit der Freiheit des Hochgeländes kombinieren.
Planung und Vorbereitung
Eine Haute-Route-Planung beginnt Monate im Voraus. Hütten müssen reserviert werden. Die körperliche Vorbereitung braucht Zeit: Wer die Tour in gutem Zustand absolvieren will, sollte im Herbst mit Ausdauertraining beginnen und im Winter so viel Skitourenpraxis wie möglich sammeln.
Ein geführtes Angebot über einen IFMGA-Bergführer ist für Einsteiger in die Gletscherwelt der klügste Einstieg. Gute Guide-Services für die Haute Route gibt es bei Agenturen in Chamonix, Verbier und Zermatt, und die Saison für die klassische Tour liegt zwischen Ende März und Anfang Mai, wenn die Tageslänge groß genug ist, um lange Etappen zu ermöglichen, und die Schneestabilität oft gut ist.
Die interaktive Karte hilft dabei, die geografische Lage der Haute-Route-Abschnitte und der angrenzenden Skigebiete zu verstehen und einen Plan zu entwickeln, der sowohl Tourenabschnitte als auch Pistenfahrten in einem Urlaub kombiniert.